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Die kleine Wolke
Zeichnungen von Susanne Sohrab


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Nach einer langen, dunklen Nacht war sie plötzlich da: eine kleine, weiße Wolke.

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„Sie sieht ja aus wie ein Gänseblümchen“, meinte eine große Wolke, die sie von weitem sah. „Nein, sie sieht doch genauso aus wie ein kleines, weißes Schaf!“, erwiderten die Wolken, die die kleine Wolke umgaben.

Und so bekam die kleine Wolke ihren Namen: Schäfchen.

Die kleine Wolke freute sich ihres Daseins und ließ sich vom Wind heftig treiben und zerzausen. Das machte ihr einen Riesenspaß.

Auf der Erde staunten dann die Kinder und wiesen mit dem Zeigefinger nach oben: „Schau mal, eine ganz kleine Wolke! Sie sieht aus wie eine Ente! Und jetzt wie ein Hund! Und jetzt wie eine Gitarre! Und jetzt wie eine Glocke! Und jetzt wie ein winzig kleines Schaf.“ „ Eine Schäfchenwolke“, freuten sich die Kinder.

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Wenn die kleine Wolke gar zu übermütig wurde, erklärten ihr die älteren, großen Wolken: „Du musst immer versuchen, Wasser zu ziehen aus dem Meer und aus den Seen, so wie wir, Schäfchen.

Wenn wir ganz voll und groß sind, bringen wir den Regen auf die Erde, damit die Pflanzen gedeihen und die Menschen und Tiere leben und sich erfrischen können. Alle Pflanzen und Lebewesen sehnen sich sehr danach, wenn es lange nicht geregnet hat.“

Da kam sich die kleine Wolke sehr, sehr wichtig vor und begann, kräftig Wasser zu ziehen. Sie wuchs und wuchs und konnte gar nicht genug bekommen.
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Bald wurde sie ungeduldig und fragte die alten Wolken: „Wann darf ich denn das viele Wasser fallen lassen?“ „Hier noch nicht, Schäfchen“, antworteten die alten Wolken, „wir ziehen noch bis zu den Bergen, dort schütten wir das Wasser ab.“
„Aber“, meinte die kleine Wolke, die ja gar nicht mehr so klein war, „darf ich nicht mal ausprobieren, wie das geht: es regnen lassen?“
„Nein“, erklärten die großen Wolken, „hier scheint die Sonne viel zu schön. Warte, bis wir zu den Bergen kommen!“

„Auch nicht ein klitzekleines bisschen?“, versuchte es die kleine Wolke noch einmal. Doch die entschiedene Antwort der großen Wolken lautete: „Nein, Schäfchen, auch nicht ein bisschen!“
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Jetzt war die kleine Wolke doch unzufrieden. Sie konnte ihre Ungeduld kaum bezähmen und hatte überhaupt keine Lust mehr, Wasser zu ziehen.
Plötzlich kam ihr eine Idee.
Sie ließ sich nicht mehr so stark vom Wind treiben. Etwas gelangweilt veränderte sie weiterhin ihre Form, zog aber nicht mehr so schnell mit den großen Wolken mit. Auf einmal war sie ganz weit hinter der Wolkendecke, mit der sie immer gewandert war. Sie war allein am blauen Himmel. Verschmitzt lächelte sie und dachte: „ Ich will’s doch mal versuchen.“

Ganz vorsichtig ließ die kleine Wolke ein paar Tropfen fallen und sah, wie die Menschen verwundert zu ihr hochschauten. „Ich kann es auch noch kräftiger!“, dachte sie und ließ einen herrlichen kurzen Sommerregenschauer auf Felder und Wiesen und eine kleine Stadt niederfallen.
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Die kleine Wolke schaute, ob die Menschen sich freuten. Doch was war das?

Sie war in höchstem Maße erstaunt, dass die Menschen gar nicht mehr zu ihr blickten, sondern auf etwas ganz anderes zeigten.

Sie schaute sich um und entdeckte hinter sich einen riesigen Bogen mit blauen, roten, grünen und gelben Streifen. Die Kinder auf der Erde riefen erfreut: „Guck mal, da ist ein wunderschöner, schillernder Regenbogen!“

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„Oh, ist das herrlich!“, jubelte die kleine Wolke, die nun wirklich wieder kleiner geworden war. „Das mache ich jetzt immer so: Ich habe keine Lust, an den Bergen meine Wassertropfen auszuschütten wie alle anderen Wolken.

Ich werde es immer nur bei Sonnenschein tröpfeln lassen, dann können sich die Menschen am Farbenspiel des Regenbogens erfreuen.“
Die kleine Wolke war glücklich und aufgeregt. Sie wollte den großen Wolken unbedingt von ihrem Regenbogenerlebnis erzählen. Und mit diesem Gedanken ließ sie sich blitzschnell vom Wind weitertreiben, damit sie die großen Wolken so rasch wie möglich einholen konnte.
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